Es ist ein heißer Sommertag und endlich sind wir am Seestrand angekommen. Wir nehmen Anlauf, sprinten über den Steg und springen hinein ins 25 Grad kühle Wasser. Herrlich erfrischend! Doch während wir die Abkühlung genießen, befindet sich unser Körper unbemerkt im Ausnahmezustand: Da das Wasser deutlich kühler als die Luft ist, muss er zunächst einmal mit dem plötzlichen Temperatursturz umgehen. Die Adern ziehen sich zusammen, der Blutdruck erhöht sich kurzfristig.
Da wir bei unserem Sprung untergetaucht sind, kommt noch ein zusätzlicher Stressfaktor hinzu: fehlender Sauerstoff. Kurzfristiges Luftanhalten (bis zu 30 Sekunden) stellt für gesunde Menschen für gewöhnlich kein Problem dar. Dennoch steigt auch in diesem Zeitraum bereits der CO2-Gehalt im Blut, der Herzschlag verlangsamt sich, der Sauerstoffgehalt sinkt. Der Körper versucht, mit dem noch verbliebenen Sauerstoff möglichst gut hauszuhalten. Sobald wir wieder auftauchen, ist der gröbste Stress für unser Gehirn überstanden. Wir gewöhnen uns langsam an die Wassertemperatur, die Atmung funktioniert wieder normal – aber dennoch führt unser Körper im Wasser ein anderes Leben als an Land. Denn nach wie vor wirkt der Wasserdruck auf unsere Muskeln und Gefäße, regt den Lymphfluss und den Kreislauf an und erhöht die Pumpleistung des Herzens.
In der Tiefe

Wie stark sich ein Aufenthalt im Wasser tatsächlich auf unseren Körper auswirkt und welche Effekte wir davon erwarten können, hängt von mehreren Faktoren ab. Der Wasserdruck und die damit verbundenen Effekte auf das Herz-Kreislaufsystem ändern sich mit der Tiefe: Tauchen wir ab, erhöht sich der Druck. Bereits ab einem Meter Tiefe können wir das Phänomen durch die Auswirkungen auf unser Trommelfell deutlich wahrnehmen. Der steigende Wasserdruck presst zudem das Blut aus den Armen und Beinen in die Körpermitte. Dadurch erhöht sich nicht nur der Herzschlag, sondern auch der Harndrang – denn plötzlich messen die Nieren viel zu viel Flüssigkeit im Körper. Für Hobbyschwimmer und Schwimmbadtaucher, die meist eine maximale Tauchtiefe von ca. 3 Metern erreichen, ergeben sich im Normalfall keine negativen Auswirkungen durch den Druck. Gefährlich wird es erst für professionelle Taucher, die in größerer Tiefe unterwegs sind: Hier gilt es, rasches Auf- und Abtauchen zu vermeiden. Vor allem zu schnelles Auftauchen kann zur sogenannten Dekompressionskrankheit führen, bei der durch die rasche Druckentlastung schwere Verletzungen im Körper entstehen können, etwa durch Stickstoffbläschen im Blut.
Kaltes Wasser als Stoffwechsel-Boost

Ein weiterer großer Faktor ist die Wassertemperatur. Generell gilt: Niemals in zu kaltes Wasser springen, sondern den Körper langsam an die Temperatur gewöhnen. Ist der Temperaturunterschied zwischen Körper und Wasser zu groß, kann es nämlich zu einer Schockreaktion bis hin zu einem reflexhaften Einatmen unter Wasser oder zur Bewusstlosigkeit kommen. Wenn wir in eiskaltem Wasser baden, schüttet der Körper zudem die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin aus. Dadurch erhöht sich der Herzschlag; außerdem wird Energie in Form von Glukose freigesetzt. Der Stoffwechsel beschleunigt sich, zusätzliche Kalorien werden verbrannt. Nach dem Eisbad und der überstandenen Stresssituation gibt’s die Belohnung: Dann wird der Körper nämlich mit dem Glückshormon Dopamin geflutet. Regelmäßiges Eisbaden soll zudem das Immunsystem stärken und den Blutdruck senken. Die eisigen Auszeiten dürfen aber niemals allein durchgeführt werden – Eisbaden ist eine Extremsituation für den Körper, weshalb unbedingt eine Begleitperson dabei sein sollte. Vorab ist außerdem eine kardiologische Untersuchung empfohlen, um mögliche Herzprobleme ausschließen zu können.
Den Effekt des kalten Wassers nutzte übrigens bereits Sebastian Kneipp – und zahlreiche Kneippanwendungen wie Wassertreten oder kalte Wassergüsse sind auch heute noch gefragte Methoden zum Ankurbeln des Immunsystems. Durch die Temperaturreize wird der Körper mobilisiert und gestärkt. Dazu muss man nicht völlig im kalten Wasser untertauchen, sondern beispielsweise nur Arme oder Beine mit kaltem Wasser übergießen.
Warmes Wasser gegen Stress

Deutlich weniger Stress als ein Eisbad erzeugt ein Aufenthalt im warmen Wasser. Mindestens 30 Grad sind nötig, um die Muskulatur zu lockern und Verspannungen zu lösen. Es ist vor allem der Auftrieb im Wasser, dem wir den entspannenden Effekt verdanken: Unsere Gelenke werden dadurch entlastet, die Muskeln müssen weniger arbeiten. Auch im warmen Wasser werden der Stoffwechsel und die Durchblutung angeregt – wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß als im kalten. Durch die Wärme wird das Nervensystem beruhigt, der Stresslevel wird aktiv gesenkt.
Und auch hier spielt die Physik des Wassers unserem Körper wieder kleine Streiche: Im warmen Wasser erwärmt sich unser Körper. Nach dem Baden sinkt die Körpertemperatur wieder. Das Sinken der Körpertemperatur kennt der Körper vom Prozess des Einschlafens: Wir kühlen um etwa ein Grad ab, wenn wir ins Reich der Träume gleiten. Durch den Abkühlungsprozess nach einem warmen Bad wird dem Körper signalisiert: Schlafenszeit! Melatoninproduktion starten!
Sebastian Kneipp und das Wasser
Schon Sebastian Kneipp stellte fest: Durch gezielte Temperaturreize, die den Körper zu einer Reaktion anregen, können die eigenen Kräfte im Körper mobilisiert und durch regelmäßiges Training gestärkt werden. Sowohl bei Wärme- als auch bei Kältereizen arbeitet der Körper daran, die eigene Körpertemperatur konstant zu halten. Trifft warmes Wasser auf den Körper, weiten sich die Gefäße, um überschüssige Wärme abzugeben. Die Durchblutung der Hautoberfläche nimmt zu, die Muskeln entspannen sich und der Blutdruck sinkt. Kaltes Wasser dagegen veranlasst die Gefäße dazu, sich reflexartig zusammenzuziehen. Während eines kalten Gusses etwa bemerkt man daher zunächst eine Blässe der Haut. Anschließend erfolgt die reaktive Rötung durch Erweiterung der Hautgefäße. Die Durchblutung wird so gefördert.
Selbst kleine Reize (siehe auch Kleiner Reiz täglich, große Wirkung ein Leben lang) wie ein kurzer kalter Guss führen bereits zu wahrnehmbaren Effekten. Auch die Uhrzeit spielt eine Rolle: Vormittags werden kalte, nachmittags warme Reize stärker wahrgenommen. Wechselanwendungen verstärken den Reiz. Aber auch bei Wassertreten, Fußbad und Co. gilt: Besonders wenn Vorerkrankungen vorliegen, sollte man vor Kneipp-Anwendungen immer mit der Ärztin bzw. dem Arzt sprechen; bei Durchblutungsstörungen und anderen Erkrankungen dürfen manche Anwendungen nicht durchgeführt werden (Kontraindikationen stets beachten!).
Worauf man achten sollte

Bevor man seinen Körper dem Ausnahmezustand Wasser aussetzt, sollte man gewisse Dinge beachten. Denn generell wird Wasser als Gefahrenquelle oft unterschätzt. Ist das Wasser zu kalt, drohen wie bereits oben erwähnt gefährliche Schockzustände. Vor dem Sprung ins Wasser muss man neben der Wassertemperatur mehrere Dinge abchecken: Sind andere Personen in der Nähe? Dann besser nicht springen, um Kollisionen zu vermeiden. Ist das Wasser tief genug für einen Sprung? Bei einem See: Gibt es am Boden Seegras, in dem ich mich beim Tauchen verheddern und das mich am Auftauchen hindern könnte?
Vor dem Schwimmen am besten immer duschen, um den Körper an die Wassertemperatur zu gewöhnen. Die Wassertemperatur ist auch ausschlaggebend für die empfohlene Aufenthaltsdauer. Beträgt die Temperatur zwischen 20 und 30 Grad, können wir problemlos auch eine Stunde im Wasser verweilen. Bei höheren Temperaturen, etwa im Thermalwasser, sollte die Badedauer auf 20 Minuten begrenzt werden, um den Kreislauf nicht zu sehr zu belasten. Und bei unter 20 Grad droht der Körper zu unterkühlen – je niedriger die Temperatur, desto kürzer logischerweise die Aufenthaltsdauer. Bei 10 Grad sollten es nur noch etwa 5 Minuten sein.
Besondere Vorsicht ist beim Schwimmen mit Kindern geboten: Sie dürfen niemals unbeaufsichtigt gelassen werden, auch nicht, wenn sie Hilfen wie Schwimmgurte oder Schwimmflügerl tragen. Und: Beim Schwimmen unter freiem Himmel immer an den Sonnenschutz denken! Gerade im erfrischenden Wasser wird die Kraft der Sonne rasch übersehen; das Wasser schützt nicht vor UV-Strahlung, sondern kann sie durch Reflexionen sogar noch verstärken. In einem Meter Wassertiefe treffen immer noch rund 75 % der UVA- und 50 % der UVB-Strahlen auf den Körper.